Die neue Performance "Captcha" von El Cuco Projekt. Foto: El Cuco Projekt/Julia Franken.

CAPTCHA: El Cuco Projekt im Kunsthafen.

am 08. März 2022 | in Allgemein | von | mit 1 Kommentar

Könnten wir das Projekt auch „Stimmen hören“ nennen? war ein gespenstiger Blogbeitrag der Künstlerin und Logopädin Wiltrud Föcking ausgehend von unserem damaligen Projekt im Jahre 2016. Im Februar dieses Jahres lässt sie sich spontan entführen in ein Gesamtkunstwerk des Kölner Performance Duo „El Cuco Project“ im Kunsthafen Rhenania in Köln. Ihr Interesse an der Vielschichtigkeit der Resonanzen von Stimme im Spannungsfeld von Kunst und Gesellschaft schwingt auch in dem folgenden Beitrag mit: Vorsicht Captcha!

 

„Bevor das Stück beginnt, sind wir schon mittendrin.“ Foto: Ruth Gilberger.

Wir betreten das Kunsthaus Rhenania, in dem “Captcha” von El Cuco (Sonia Franken & Gonzalo Barahona) gezeigt wird und noch bevor das eigentliche Stück beginnt, sind wir schon mittendrin. Die Eintrittskarte ist ein Test mit Zeichnungen, aha, ein Captcha eben, wie uns erst später klar wird.

Wir sollen Eindeutigkeiten und Wahrscheinlichkeiten erkennen, die aber gar nicht so eindeutig sind. Es fehlt die Grundlage, von der aus sicher beurteilt werden könnte. Mir wird etwas mulmig: eine Prüfungssituation, die sich aber schnell in Luft auflöst. Nirgendwo eine Instanz die wertet. Und es geht auch schon weiter: Eine Stimme aus dem Off, die mich sofort neugierig macht, begrüßt uns.


“Keine Sorge, der Test ist ganz einfach. Er ist nur Teil des üblichen Verfahrens.”

 

Die Performance „CAPTCHA“ von El Cuco Projekt ist ein Gesamtkunstwerk aus Performance, Tanz, Theater, Musik, Kunstausstellung. Neben dem Captcha-Test führen kleine Objekte, weich zerfließende Alltagsgegenstände, des Künstlers  Gonzalo Barahona im Vorfeld in das Stück ein. Sie thematisieren in ihrer Objektsprache das Auflösen eindeutiger Grenzen. Gewissheit von Sein wird zunehmend fragwürdig.

 

Parcours der Textauszüge und Objekte, Abgüsse von Alltagsrealitäten, … alles fließt und das Selbstverständliche ist nicht mehr wahrscheinlich. Oder doch? Foto: Wiltrud Föcking.

CAPTCHA ist das  Akronym für einen “completely automated public Turing test to tell computers and humans apart” (vollständig automatisierter öffentlicher Turing-Test zur Unterscheidung von Computern und Menschen – Turing Test, genannt nach dem Erfinder Alan Turing). Erneut macht uns die merkwürdig hohe Stimme aus dem Off darauf aufmerksam, dass es gleich los geht. Wir nehmen Platz und die Performance beginnt. Im Bühnenraum erscheinen drei wundersame Wesen. Menschliche Körper mit großen Tierköpfen. Überdimensionierte Fledermausköpfe. Silikon- oder Latexköpfe mit zart dünn abgeformten Ohren, die so fein gewandet sind, dass sie bei jeder kleinen Bewegung des Menschtierhybrids sanft zittern. Elastisch und dennoch aufrecht bebend. Entzückend und zugleich berührend, einnehmend und zugleich fremd. Haare grob in das Silikon (oder Latex) eingepflanzt, die mitzittern und aus der Nähe menschlich organisch wirken. Zu nah, in unangemessenem Nähe-Distanz-Verhältnis, erscheinen die Haare schamhaargleich intim. An den Rändern fransen die Formungen aus und markieren die Grenze zwischen Mensch und Tier zum Hybrid. Die Wesen führen zuckend, fast krampfhaft, konvulsiv, ataktisch wirkende, zirkuläre, auf sich selbst bezogenen Bewegungen aus. Wie ein eigener Bewegungscode, der die Gattung markiert. Ebenso finden die suchend kontaktaufnehmenden Berührungen der Wesen untereinander statt. Nesteln, wie bei Affenliebe, die Camouflagehosen werden zur schützenden Haut, in die die Wesen sich verkriechen. Oder zum Körperteil.

Der Kontakt ist keineswegs immer freundschaftlich. Finger zeigen aufeinander, und wir sind nun wieder in der bekannten Welt der Menschen. Es wird angeklagt, Schuld zugewiesen und da ist es auch nicht weit bis zur deutschen Bürokratie. Stempel werden aggressiv demonstrativ auf Papier gedonnert. Wieder kommt der Test als Teil des üblichen Verfahrens ins Spiel. Der muss bestanden werden, kommt zunächst lapidar daher, aber bei Nichtbestehen drohen massive Konsequenzen.

Ist der Mensch noch menschlich oder generiert er zunehmend zur Maschine? Immer noch aktuelles Interesse des Menschen seit dem Beginn der Industrialisierung, siehe Frankenstein, Pygmalion oder E.T.A. Hoffmanns Olimpia. Folgerichtig läuft es mit zunehmender Spezialisierung auf die nächste Phase zu, in der der Mensch von Maschinen generiert und gelenkt wird. Auf dem Prüfstein steht die Zukunft des Menschseins an der Grenze zum Anything-goes von Technik, Künstlicher Intelligenz, Klimakatastrophe, Einsamkeit, Migration.

 

Die Wesen von „CAPTCHA“: Menschtierhybriden. Foto: Wiltrud Föcking.

Die merkwürdig hohe Stimme, die uns per Lautsprecher über das Geschehen informiert, oder besser irritiert, ist technisch mit einer Pitch-Korrektur modifiziert worden. Ein besonderes Autotune-Programm, das jeden Ton der Stimme in seiner Tonhöhe separat anhebt, ohne dass gleichzeitig das Tempo variiert wird. Eine einfache Idee mit großer Wirkung. Sie erzeugt einen erheblichen Kontrast zu den anderen Stimmen, die vom Band kommen. Diese sind eher weich, klar und sonor und sollen wohl zur Orientierung und Identifikation der Zuschauenden dienen. “Norm”-Stimmen vom Band als Rettungsanker in diffuser Atmosphäre. Daher gibt es sowohl eine männliche als auch eine weibliche Identifikationsstimme, die Fragen stellt und Verwunderung äußert.

Die erhöhte Stimme wirkt dagegen fremd, künstlich und eigenwillig. Passend zum Kindchenschema der Fledermausköpfe mit ihren großen Kulleraugen wirkt die hohe Stimme einerseits zwar künstlich erzeugt, andererseits erinnert sie an eine Kinderstimme.

Das macht es etwas scary, was auch meine Sitznachbarin bestätigte, die die letztlich distanziert bleibenden Kontaktaufnahmeversuche der Wesen mit uns Zuschauenden unheimlich fand. Da schauen uns diese großen Augen an, die eigentlich putzig sind, aber in ihrer künstlichen, überproportional großen Dimension auch etwas leer und unheimlich bleiben, wenn sie uns zu nah kommen. Darunter die großen Beißer, ein richtiges Raubtiergebiss in einem Maul, dass zu grinsen scheint. Ambivalente Wirkung.

Letztlich bleiben wir Zuschauenden draußen, werden nicht mit einbezogen in die Bühnenhandlung. Die Bühne ist der innere Raum, der bespielt wird. Wir Zuschauenden sitzen außen auf Stühlen rund herum. Wenn die Wesen uns scheinbar herausfordern, zu applaudieren und ihnen zuzujubeln, was wir natürlich auch tun, so ist es doch nur Fake. Denn es funktioniert auch ohne uns: das inszenierte Applauscrescendo kommt auf den Punkt vom Band.

“Keine Sorge, der Test ist ganz einfach. Er ist nur Teil des üblichen Verfahrens.”

 

Immer wieder wird dieser Satz, wie eine ritualisierte Formel, liturgisch wiederholt. Gesprochen mit dieser Stimme, die irritiert. Eine auf Kinderstimme getrimmte erwachsene Stimme, die eine erwachsene Sprache spricht, deutlich fast überartikuliert. Irgendwie will sie Heileheilegänschenatmosphäre simulieren, obgleich Unheil mitschwingt. Inkongruenz zwischen Inhalt, Artikulation und Tonhöhe. Hier stimmt was nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Kindliche ist eigentlich künstlich.

Die Stimme kommt vom Band, von außen. Sie wird nicht live performed. Und doch wird klar; es ist die Stimme der Wesen, die nicht selbst sprechen. Wie in einer surrealen Traumwelt legt sich die Stimme nebelartig über sie. Die eine hohe Stimme, die für alle drei Wesen spricht. Wie aus einem Mund. Und doch künstlich.

 

Die Wesen scheinen zunehmend mächtiger zu werden.

Sie sind in doppeltem Sinne hybrid: zunächst ist der Kopf ein Tierkopf (Fledermaus), der Körper menschlich. Dann kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: der, der Maschine, ausgedrückt in einem beeindruckenden Part der Performance: Eine Schauspielerin spielt diese Metamorphose des zur Maschine sich verwandelnden Wesens. Deren Bewegungen scheinen zunehmend wie von außen gelenkt. Einer Marionette nicht unähnlich, aber doch eher ruckartig wie ein Roboter. Ist von außen noch erkennbar, wer Mensch und wer Avatar ist?

Assoziationen an „Uncanny Valley“ an den Münchner Kammerspielen; eine Idee des Dramatikers Thomas Melle, der sich selbst als elektronisch ansteuerbaren Roboter nachgebaut hat, der nun als einsam virtuelle Dramatis Persona auf der Bühne seine Texte deklamiert (während der echte Melle als Zuschauer im Publikum sitzt).

So fragt auch das Stück Captcha, inwieweit Algorithmen bereits die Herrschaft über uns und die Gesellschaft übernommen haben? Oder gab es sie vielleicht immer schon im verborgenen Plan der Natur? Ist die Künstliche Intelligenz gar nicht so künstlich, sondern selbstregulierter Antrieb der Natur, die unaufhaltsam ihre Macht über die Welt demonstriert? Daher seien „Chaos, emergente Komplexität und Entropie nicht die Ausnahme, sondern die Regel“, heißt es im Programmheft.

 

Bürokratie. Foto: Wiltrud Föcking. 

Am Ende formuliert die eher dystopische Performance dann doch ein utopisches Schlupfloch: die harmonische Revolution. Getragen wird die revolutionäre Vision von einem wie Barockgesang anmutendem Musikstück, einem Lied aus den 70er Jahren, den Jahren der Studentenrevolte, von Francoise Fontaine:

 

“Révolution

All the power to the people,

la propriété c’est le vol.

Tous le pouvoir au peuple”…

 

People, wer soll das sein? Die Menschen oder die Tiere oder die Maschinen oder sind diese Kategorien spätestens jetzt, im 21. Jahrhundert untergegangen, Grenzen verschwimmen und gehen den Bach runter, den Bachlauf der Evolution, die aber auch optimistischer Ausdruck der harmonischen Revolution sein könnte.

“Alles was von jetzt an passieren wird, ist noch nicht entschieden.”

Die Zukunft entwickelt sich nicht länger konsequent, vorausschaubar aus der Vergangenheit. Es geht sprunghaft und chaotisch weiter. Revolution eben. Und auch die Gegenwart ist ungewiss. Tatsächlich bleiben wir mit diesen dystopischen Bildern schwindender Eindeutigkeiten zurück. Es gibt was zu tun.

Am Schluss Standing Ovation. Wie schön, die Menschenköpfe der Schauspielerinnen zu sehen, die am Ende Ihre Rollen abstreifen, lächelnd, menschlich schön. Und auch wir kommen zurück in unsere menschliche Gegenwart des Rhenania, trinken eine Biolimo und hoffen, es möge noch eine Weile so bleiben, wie es jetzt gerade mal ist.

 

„Er ist nur Teil des üblichen Verfahrens.“ Foto: Theresa Herzog.

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