Let the "Pirmasenser Resonanzen" begin! Der Künstler Ivan Chaparro reist vom ResonanzCAMP in Greifswald (nicht ganz) direkt mit nach Pirmasens, um dort erste Resonanzen einzufangen. Foto: Theresa Herzog.

Ohne Bewegung gibt es kleinen Klang

am 22. März 2022 | in Resonanzen, Wagnisse des Neuen | von UND | mit 0 Kommentaren

Der kolumbianische Künstler Ivan Chaparro arbeitet im Rahmen seines Projektes „resonar lab“ seit mehreren Jahren weltweit an partizipativen künstlerischen Projekten. Derzeit studiert er erneut an der Berliner Universität der Künste und war Teilnehmer unseres ResonanzCAMP 2021 in Greifswald. Im Folgenden erzählt Ivan davon, was Resonanz für ihn bedeutet, wie das studentische Camp zu einer gemeinsamen Arbeit am „kaputten Telefon“ und letztlich zu nicht nur einer Reise nach Pirmasens führte. Übrigens: Die „Pirmasenser Resonanzen“ 2022 haben begonnen! 

 

Ich war erst seit ein paar Monaten in Deutschland, und eines Morgens, Anfang Mai, erregten zwei Worte inmitten der Dutzenden von E-Mails meine Aufmerksamkeit. Ich war nach einer beschwerlichen Reise aus Südamerika, voller bürokratischer Hürden angekommen, und ich erinnere mich, wie ich endlich das Gefühl hatte, in meiner Wohnung in Berlin zu Hause zu sein. Die beiden Worte waren so besonders, weil eines mit meiner künstlerischen Arbeit der letzten Jahre zusammenhängt, das zweite machte dieses einfach noch interessanter:

Resonanz
Camp
.

Ich bin ein Künstler, Musiker, Designer und Erzieher aus Kolumbien, der Projekte zur Förderung von individuellem und kollektivem Bewusstsein, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz entwickelt und dabei Kunst, Musik, Design und kollaborative Praktiken einsetzt. Zusammen mit einigen Freunden aus verschiedenen Teilen der Welt gründete ich vor fünf Jahren ein Kollektiv von KünstlerInnen, die die Möglichkeit eines konstruktiven sozialen Wandels gemeinsam teilen. Wir tauften unser neu gegründetes Team „Resonar Lab“, wobei „Lab“ für Labor steht, das zu unserem experimentellen Charakter unseres Teams passt. Dieses besteht aus MusikerInnen, FilmemacherInnen, TänzerInnen und DesignerInnen.

Resonar bedeutet auf Deutsch „Resonanz“, ein Wort, das wir aus der Wissenschaft übernommen haben, um das Konzept unseres Labs auszudrücken. Wenn du einen Eindruck von unserer Arbeit bekommen möchtest, besuche bitte unsere Website. Seit diesem Jahr sind unsere Website und alle Inhalte auch auf Deutsch.

Nun komme ich zurück zur E-Mail: Ich öffnete sie und las bereitwillig von einem dreitägigen Camp für künstlerischen Austausch und Networking in Greifswald, Norddeutschland, organisiert von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Es war eine offene Einladung für KünstlerInnen und StudentInnen, die im Bereich Kunst und Gesellschaft arbeiten und ein besonderes Interesse an partizipativer künstlerischer Arbeit haben.

Das war wie perfekt für mich als Newcomer geschneidert!

Ich meldete mich sofort an und schlug vor, einen Vortrag zu halten, in dem ich einige meiner Projekte der vergangenen Jahre vorstellte.

Dabei konzentrierte ich mich auf Arbeiten, die Experimente mit kritischem Denken, partizipativer Kunst, Musikaktivismus und dekolonialer Politik beinhalten.

Meine Strategien beinhalten in der Regel praktische Übungen, bei denen die TeilnehmerInnen mit interaktiver Kunst und Musik experimentieren, und ich habe Erfahrung mit dynamischen Vorträgen mit multimedialen Inhalten. Um ein Gespräch zu eröffnen, konnte ich mir vorstellen, einige meiner letzten Projekte, die ich in Südamerika gemacht habe, vorzustellen und darüber hinaus erwartete ich hier in Deutschland, interessante und gleichgesinnte kreative Menschen kennen zu lernen.

 

 

Urbane Akupunktur gilt als eines seiner Leitmotive im Rahmen der partizipativen künstlerischen Arbeit. Foto: Ruth Gilberger.

Warum ist mir das Konzept der Resonanz eigentlich so wichtig, und wie könnte ich es anderen einfach erklären? Das waren die beiden Fragen, die mich in den darauffolgenden Tagen beschäftigten. Ich erinnerte mich daran, wie ich vor einigen Jahren zum ersten Mal von diesem Konzept gehört hatte. Damals lebte ich in Schweden und studierte interaktive Kunst.

Akustisch gesehen bedeutet eine Resonanz die Verstärkung und Verlängerung eines Klangs, wenn er auf einen anderen synchronen Klang trifft. Diese Schwingung wird dadurch erweitert und vervielfacht.

Der Klang, wie wir ihn kennen, ist nur eine andere Art von Schwingung in der Vielfalt der Wellen, die uns ständig umgeben. Obwohl wir Resonanz mit Klang assoziieren, ist sie eigentlich ein Phänomen, das bei allen Arten von Wellen und Schwingungen auftritt, aber eigentlich sind Schwingungen und jede andere Form von Wellen das Ergebnis von Bewegung. In anderen Worten:

Ohne Bewegung gibt es keinen Klang. Als ich diese Konzepte in Stockholm erforschte, konnte ich nicht aufhören zu denken, dass Resonanz eigentlich eine Art ist, sich zu bewegen und in der Welt zu sein. Letztlich hat alles, was sich bewegt, das Potenzial eine Resonanz zu erzeugen. Eine solche Kombination erzeugt mehr Energie, als ein einzelnes Objekt oder Subjekt jemals für sich allein erzeugen könnte.

Ich war erstaunt, wie sich ein solches Konzept auf so viele Dinge um uns herum anwenden lässt: Denken, Reden, Musizieren, Schaffen, Tanzen, Gestaltung unserer Gesellschaft und so weiter und so fort. Ich dachte auch an all die Menschen, mit denen ich im Laufe meines Lebens in Kontakt gekommen bin, und daran, wie eine kurze Begegnung mit einigen von ihnen eine langanhaltende Zusammenarbeit ausgelöst hat, bei der unsere jeweiligen kreativen Energien eine synchrone Schwingung ausgelöst haben. Endlich war es Sommer und ich habe meine Reise nach Greifswald vorbereitet. Ich habe einen Vortrag erarbeitet, in dem ich zwei meiner letzten Projekte, die ich an der Karibik durchgeführt habe und bei denen Musik eine wichtige Rolle in der künstlerischen Vermittlung gespielt hat, vorstelle.

 

Studierende im ResonanzCAMP 2021 weben zusammen mit Nicola Schudy die ersten Matten der Skulptur Kauri im Stadtteil Schönwalde in Greifswald. Foto: Theresa Herzog.

Ivan Chaparro stellt im ResonanzCAMP seine partizipative Arbeit vor, die er im Rahmen seines Projektes resonarlab weltweit umsetzt. Foto: Ruth Gilberger.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich persönlich habe festgestellt, dass Afro-Latin-Musik (z. B. Hip-Hop, Reggae, Blues, Salsa usw.) bei der Arbeit mit jungen Menschen ein hohes Maß an Motivation hervorruft, das es ermöglicht, Experimente des kritischen Denkens in Bezug auf Geschichte, Identität und partizipatives Schaffen zu entwickeln. Im Laufe der Zeit habe ich mit Genugtuung festgestellt, dass die Erkundungen, die ich in verschiedenen Umgebungen ermöglicht habe, vielen jungen Erwachsenen einen kreativen Weg eröffnet haben.

Dank meiner künstlerischen Praxis konnte ich feststellen, dass Kunst und Musik wichtige Instrumente sind, um die Teilhabe an sozialen Fragen zu fördern, Leiden zu lindern, sich gegen Unterdrückung zu wehren und dem Rassismus die Stirn zu bieten.

Ich verließ den Berliner Hauptbahnhof in Richtung Greifswald und versuchte mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Zelt geschlafen hatte. Als ich im Camp ankam, wurde ich herzlich von Theresa, Ruth und Claudia empfangen, die eine Einführung leiteten, bei der ich die anderen Camper kennenlernte. Kurz darauf hielt ich einen Vortrag, in dem ich die letzten Projekte zeigte, die ich vor meiner Abreise aus Südamerika entwickelt hatte. In den darauffolgenden Tagen nahmen wir an verschiedenen künstlerischen Workshops, Stadterkundungen, praktischen Übungen, partizipatorischen Interventionen, inspirierenden Gesprächen am Lagerfeuer teil und es gab sogar eine Tanzfläche unter freiem Himmel, auf der wir uns mitten in der Nacht zum Feiern bewegen konnten.

 

Und dann: Von Greifswald nach Pirmasens – auf der Jagd nach ersten Resonanzen am neuen Projektstandort für 2022.

Ein paar Wochen nach meiner Rückkehr nach Berlin begann der Herbst. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich als Gastkünstler für das nächste Camp eingeladen wurde, das Ende Juni 2022 in Südwestdeutschland stattfinden wird. Von Greifswald nach Pirmasens, zwei Städte, die auf der gegenüberliegenden Seite des Landes liegen und die gemeinsam haben, dass sie nahe an den Grenzen liegen, die eine an der Ostsee, die andere an Frankreich. Bald darauf bereitete ich meinen ersten Besuch in Pirmasens vor. Diesmal dauerte die Fahrt mehrere Stunden und beinhaltete die Vorbereitung einer ästhetischen Untersuchung, ein Vorspiel für das, was in diesem Sommer kommen wird.

Die erste Strategie, sich den PirmasenserInnen zu nähern, ergab sich aus unserem kreativen Austausch mit Theresa am Telefon. Und gerade das Telefon erwies sich als perfekte Metapher für unsere Arbeit vor Ort.

In Südamerika gibt es ein beliebtes Kinderspiel namens „kaputtes Telefon“, bei dem die SpielerInnen eine Reihe bilden, in der sich der erste Spieler eine Nachricht ausdenkt und sie der zweiten Person in der Reihe ins Ohr flüstert. Der zweite Spieler flüstert die Nachricht an den dritten Spieler und so weiter. Auf der Grundlage dieses Spiels sind wir spontan im öffentlichen Raum und in Geschäften auf die PirmasenserInnen zugegangen und haben ihnen spielerische Fragen zu ihrer Heimatstadt gestellt und sie aufgefordert, uns eine weitere Person vorzuschlagen. Im Gegenzug haben wir ihnen ein kleines Geschenk gemacht, ein Aufkleber mit einer Illustration, auf der ein Koffer, eine Soundkarte und ein Mikrofon abgebildet waren, also unsere Ausrüstung, um ihre Stimmen aufzunehmen.

 

Der entwickelte Resonanzkoffer um spontane Stimmen und Klänge in der Pirmasenser Innenstadt einzufangen. Wir trafen verschiedenste Menschen vor Ort: Zum Beispiel Ludwig in der Kirche, Michel im Lotus-Wok und ein paar Jungs im Shisha-Laden. Foto: Theresa Herzog.

 

„Telefono rotto“: Die beiden, die wir spontan beim Mittagessen trafen schickten uns rüber zu ihren Freunden auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort sendete man uns mit einer Botschaft an den Cousin des Ladenbesitzers direkt weiter zu einem Laden die Straße runter. Foto: Theresa Herzog.

 

Pirmasens Tag und Nacht. Foto: Theresa Herzog.

 

Alle in der Stadt waren sehr freundlich und schickten uns zu einem ihrer Freunde. Diese Art von Kette funktionierte reibungslos während der zwei Tage, die wir durch die Stadt zogen, bis wir die JuKuWe erreichten, eine Jugendkulturwerkstatt, die unter anderem Weiterbildung in Musik, Bildender Kunst, Medien, Theater und Tanz anbietet. Dort hatte ich das Vergnügen ein paar meiner neuesten Projekte vorzustellen, gefolgt von einem inspirierenden Gespräch mit den Künstlern und Erziehern von der JuKuWe Christopher, Pouya und Andreas, mit Mia und Beni von BeatBros und mit Mc Disskret.

Bitte hör hier einige Stimmen der Pirmasenser*innen: 

 

 

Ich habe immer wieder erstaunt festgestellt, dass jedes Gespräch wirklich inspirierend und herzerwärmend sein kann, wenn man die richtigen Leute findet, die gemeinsame Ideale und eine ähnliche Wellenlänge haben. Am nächsten Tag frühmorgens verließ ich Pirmasens voller Ideen und in Gedanken an die vielfältigen Kooperationen, das Potenzial und die menschliche Wärme, die ich während meines ersten kurzen Aufenthalts erleben durfte.

Ich freue mich darauf, bald wieder dorthin zu gehen.

 

 

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