Heimat und Sehnsucht, Action und Drama – Großes Kino für die Hustadt

Als die Künstlerin Apolonija Šušteršič und die Kuratorin Katrin Mundt ihr Projekt „Hustadt Filmpavillon“ 2011 bei der Auslobung „faktor kunst“ einreichten, war es noch eine Idee, ein Konzept. Doch es überzeugte die Jury und bekam eine Auszeichnung von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Unterdessen haben die beiden mit der Arbeit in der Bochumer Hustadt begonnen

Eigentlich ist die Hustadt ein Dorf. Okay, dort gibt es Hochhäuser – mit bis zu 13 Stockwerken – viel Beton aber rundherum Grünflächen. Aber man kennt sich hier, ist vertraut miteinander, weiß auch genau, wem man besser aus dem Weg geht.

„Es ist erstaunlich, welche Nähe die Menschen zueinander haben. Jeder kennt jeden, mit allen positiven und negativen Effekten, die das haben kann“, sagt Katrin Mundt (Essen). Sie ist Filmkuratorin und arbeitet zusammen mit der Architektin und Künstlerin Apolonija Šušteršič (Amsterdam/Ljubljana) in einem partizipatorischen Kunstprojekt in der Bochumer Hustadt. Die ist Ende der 1960er Jahre entstanden. Ein ambitioniertes Projekt. Angesiedelt im Stadtteil Querenburg, zwischen dem mächtigen Campus der Ruhruniversität (RUB) und dem großen Opel-Werk, sollte sie zur Heimstadt für ProfessorInnen und Opelaner, für Verwaltungsangestellte und StudentInnen, für Betuchte und sozial Schwache gleichzeitig werden. Im Tal Bungalows, dahinter Reihenhäuser, als Abschluss, eine Gruppe von Hochhäusern. Eine Trabantenstadt mit Tiefgaragen, Kindergärten, Schulen, Kirchen, Supermärkten. Die Häuser streng geometrisch ausgerichtet, mit großen Fenstern nach Südosten.

Heimat Hustadt
Heute wohnen hier rund 6.000 Menschen aus 56 Nationen. Die sozialen Probleme sind unübersehbar. Auch dafür ist „Die Hustadt“ zum Begriff geworden. Hier zu leben, ist nicht immer einfach. Manche fürchten den Ort, andere sind fasziniert, für viele ist er Heimat.

„Für mich ist die Hustadt ein besonderer Ort, ich kenne sie noch aus dem Studium“, erzählt Katrin Mundt. „Als Apolonija mich eingeladen hat, ein Filmprojekt im Pavillon am Brunnenplatz zu machen, wusste ich, hier kann und will ich nicht einfach ein Filmprogramm ‚implantieren’. Es gibt so viele Ressourcen vor Ort – die Leute wissen das oft gar nicht – daraus kann etwas entstehen, was für alle eine große Bereicherung ist.“

www.hustadtproject.blogspot.com

Treffpunkt: Pavillon am Brunnenplatz
Apolonija Šušteršič hat drei Jahre lang in der Hustadt gelebt. In einem partizipatorischen Prozess entwickelte sie zusammen mit den BewohnerInnen, mit örtlichen Initiativen, Organisationen und Studierenden der RUB, den „Gemeinschaftspavillon – Brunnenplatz 1“. Es ist ein multifunktionaler Ort mitten im Quartier, geeignet für Konzerte und Kino, Tanz und Theater, Feste und Festivals. Ein Treffpunkt für alle. „Unser mittelfristiges Ziel ist es, hier ein selbstorganisiertes Kino, ein Festival zu etablieren“, erklärt Katrin Mundt. „In diesem Jahr wird es an vier Tagen im August ein internationales Filmprogramm geben. Das muss nicht ausschließlich im Pavillon stattfinden. Tagsüber könnten wir zum Beispiel auch ins HUkultur-Café gehen.“ Zurzeit sprechen die beiden Initiatorinnen potentielle MitstreiterInnen an. Sie treffen sie beim Frauenfrühstück oder bei der „Stadtteilmutter“, in der Gemeinschaftsgrundschule oder im Jugendzentrum HU-Town. Das ist Basisarbeit – Vertrauen schaffen, Impulse geben, Neugier wecken. Als nächstes werden regelmäßige Treffen geplant und organisiert.

Experiment: Partizipation und Film
Filme sind Folien, für Sehnsüchte und Ängste, für Glück und Trauer. Sie können Synonym sein für Heimat oder Heimatlosigkeit, können Gemeinschaft stärken und Verständnis schaffen für das Fremde, das Andere, für das, was unsicher macht oder für das, was Identität bedeutet. In gemeinsamen Diskussionen und Workshops wollen die Projektleiterinnen mit den Hustadt-BewohnerInnen über Filme sprechen, die für die TeilnehmerInnen eine besondere Bedeutung haben und Struktur und Konzept für das Filmfestival erarbeiten.

Wenn sich der von Katrin Mundt und Apolonija Šušteršič angestoßene Prozess fortsetzt, bekommt die Hustadt vielleicht dauerhaft ihr eigenes internationales, multikulturelles „Kino“, das zum Treffpunkt und Kommunikationsort wird.

Ein Beitrag von Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft

Alle Fotos © Apolonija Šušteršič / Philipp Unger

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    Martin ist ein cooler Typ, er hat uns was zu sagen …

    „Die Begegnung mit Sterbenden nimmt uns die Sprache“, heißt es im Programmheft zu „überGehen – Eine Projektreihe zu Lebensgrenzen, Todesbildern und Abschiedskultur“. Aber es geht auch anders. Seit dem 2. Februar 2012 zeigen das gut besuchte Theaterstücke, Diskussionen und Ausstellungen am Schlosstheater Moers. Das kleinste Stadttheater in NRW hat sich einem Tabuthema gestellt, erzählt dabei von erstaunlich viel Mut und Lebensfreude und zeigt, dass trotz bitterer Erfahrungen Lachen und Fröhlichkeit möglich sind. Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft hat das partizipatorische Kunstprojekt „überGehen“ 2011 im Rahmen der Auslobung „faktor kunst“ ausgezeichnet.

    Ein Gespräch mit dem Moerser Dramaturgen Felix Mannheim.


    Katja Stockhausen, Lisa Gräf, Janise Ebbertz, Matthias Heße, im Video: Manuel

    „überGehen“ hat eine Auszeichnung für partizipatorische Kunstprojekte bekommen. Wie verstehen Sie Partizipation in Ihrer Arbeit?

    Unser Ziel ist es, ein Theater zu sein, das in die Stadt geht und die Stadt ins Theater holt. Dazu gehört es auch, sich mit Projektreihen wie „überGehen“ in den Grenzbereich zwischen sozialer Arbeit und Kunst zu wagen. Wir bearbeiten bewusst Themen, die uns tabuisiert erscheinen. Dabei ist die Zusammenarbeit von KünstlerInnen und Menschen aus den Institutionen besonders wichtig. In diesem Fall waren es Hospize, Kliniken, Wohlfahrtsverbände, soziale und medizinische Einrichtungen und auch Betroffene, Kranke, Trauernde.

    Ein Teil der Reihe ist die Inszenierung „Elefant im Raum“, ein konkret partizipatives Bühnenprojekt mit Texten von jungen Menschen, die als Kinder oder Jugendliche lebensbedrohlich erkrankt waren oder es noch sind. Wir haben bewusst nicht auf einen literarischen oder einen Theatertext zurückgegriffen. Wir haben die jungen Menschen selbst zu Wort kommen lassen, sie berichten von ihren Lebenserfahrungen, so kommt eine neue Art von Texten auf die Bühne. Es ist etwas entstanden, was, so glaube ich, überhaupt nur im Rahmen eines partizipativen Projektes entstehen konnte.

    Zu „überGehen“ gehören außerdem noch mehr als 20 Diskussionen, Lesungen, Gespräche, Matineen und Workshops, bei denen sich Menschen mit Fragen von Sterben und Tod beschäftigen, sowie die Uraufführung von Susan Sontags „Todesstation“. Ganz viele Menschen gehen mit auf diese Reise. Bisher war jede unserer Veranstaltungen super gut besucht, das ist wirklich toll.


    Matthias Heße, Katja Stockhausen, im Video: Martin

    Kann man mit so einer Thematik ohne Betroffenheitsattitüde umgehen?

    Ich denke, das ist uns gelungen. Wir haben mit 18 jungen Menschen gesprochen. Ihre Geschichten und zum Teil auch sie selbst sind Teil der Theaterarbeit geworden. Sie haben Knochenmarkstransplantationen hinter sich, haben angeborene, unheilbare Krankheiten, sind den ganz harten Therapieweg gegangen, mit Chemo, Bestrahlungen, usw.. Wir haben nach ihren Stärken gesucht, haben uns gefragt, was man lernen kann, was neu entstehen kann, nach so krassen Erfahrungen. Das war die Grundidee und Hoffnung, die sich auf eine für uns sehr berührende, tolle Weise eingelöst hat. Diese Jugendlichen haben uns erzählt, wie sich ihr Blick aufs Leben verändert hat. Dabei ist Positives, Mut machendes herausgekommen. Wir sind auf so viel Lebenslust und Lebensfreude gestoßen.

    Unsere Gesprächspartner sind zum Teil auf Video oder per Skype in den Aufführungen präsent oder stehen selbst auf der Bühne. Und eine der wichtigsten Rückmeldung war für uns, dass sie gesagt haben, wie froh sie damit sind, wie wir mit ihren Geschichten umgehen. Sie fühlen sich nicht ausgestellt, sie haben das Gefühl als Ich vorzukommen. Und sie nehmen es sehr positiv auf, dass wir nicht sagen, der arme Martin, der muss eine zweite Lunge kriegen. Sondern: Der Martin ist so ein cooler Typ, der hat die und die Geschichte und der hat uns was zu sagen.

    Wer ist ihr Publikum? Wen erreichen Sie mit dieser Arbeit?

    Wir sind mit der Reihe „überGehen“ dem nahe gekommen, was das Tollste ist, was einem Theater passieren kann, nämlich dass man zum Diskursort in der Stadt wird. Also im klassischen und besten Sinne ein „Stadttheater“ ist, in dem die Menschen sich treffen, um sich ein Bild von etwas zu machen und darüber zu sprechen. Es sind ältere Leute da, für die Fragen eines würdevollen, selbstbestimmten Lebensendes näher liegen, aber in allen Veranstaltungen sind auch Studenten, junge Menschen aus der Stadt, die vielleicht denken, damit haben wir uns noch nie beschäftigt und wollen jetzt die Chance wahrnehmen, um Denkanstöße zu bekommen.

    Mit Felix Mannheim sprach Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft.


    Felix Mannheim

    Fotos: Christian Nielinger

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      „Der Zugang zu Kunst und Kultur ist ein Menschenrecht“

      Partizipation in der Wiener Brunnenpassage

      Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft fragt: Wie sieht Partizipation in Kunst- und Kulturprojekten aus? Was verstehen die Protagonisten der von ihr ausgezeichneten Projekte darunter? Gespräche und Besuche geben Einblick, beleuchten Hintergründe, liefern Stoff für Diskussionen. Heute: Partizipation in der Wiener Brunnenpassage.


      Foto: http://www.brunnenpassage.at/

      Wien-Ottakring. Der 16. Bezirk. Mitten drin der Brunnenmarkt, Europas längster Straßenmarkt. 59.000 Menschen besuchen ihn jede Woche. „Das sind 1.000 mehr als am berühmten Naschmarkt“, erzählt Anne Wiederhold, die künstlerische Leiterin der Brunnenpassage, lachend. Hier sei es ursprünglicher, ergänzt sie. Bunte Stände, exotische Früchte, Kitsch und Kurioses, Alltagsgut. Da kauft ein Mann mit Turban Orangen, ein Stückchen weiter bietet eine dunkelhäutige Frau ihre farbenfrohen Stoffe an. Nebenan unterhalten sich kichernd junge Frauen mit Kopftuch in breitem Wiener Dialekt. Muslima der zweiten, der dritten Generation. Auch die alten Damen von gegenüber, alteingesessene Wienerinnen, gehören zu den Kunden am Brunnenmarkt, ebenso wie immer mehr Touristen.

      Zentraler Treffpunkt ist der Yppenplatz mit der ehemaligen Markthalle. Sie ist seit 2007 das Domizil der Brunnenpassage, eingerichtet und getragen von der Caritas Wien. Etwa 42 Prozent der Menschen, die hier leben sind MigrantInnen. „Wiener Vielfalt“, nennt das Anne Wiederhold.

      Interkultur im Wiener Konzerthaus

      Die Brunnenpassage versteht sich als KunstSozialRaum und ermöglicht Menschen aus dem Brunnenviertel den Zugang zu zeitgenössischer Kunst. Mit verschiedenen Formaten zum Mitmachen werden Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und sozialen Schichten angesprochen.

      Entstehen hier partizipatorische Kunstprojekte? „Ja“, sagt Anne Wiederhold, „aber wir benutzen auch den Begriff Community Art. Es geht uns auch um internationales Denken, um weltweite Vernetzung.“ Sie erzählt von einer Veranstaltung, bei der sie sich mit anderen NGOs aus dem Migrantenbereich getroffen haben, dabei wurde auch über den Begriff Partizipation diskutiert.

      „Eine der Rednerinnen sagte: Bei uns geht es nicht um Partizipation, sondern um Agitation. O.K.“, Anne Wiederhold lacht. „Aber das Hinterfragen von Begriffen ist wichtig. Wir machen das ständig. Zum Beispiel „Integration“. Dieses Konzept und diesen Begriff benutzen wir gar nicht mehr. Was heißt denn das? Integrieren wo hinein? Da taucht wieder das Bild der Leitkultur auf. Dann zeigen wir armen MigrantInnen, dass es tolle Orchestermusik im Wiener Konzerthaus gibt? Bei uns geht es um Interkultur, um Transkultur.“

      Was das bedeutet, erklärt sie an Beispielen. Wöchentlich trifft sich ein 90-köpfiger Chor in der Brunnenpassage, seine Mitglieder haben ganz unterschiedliche kulturelle Hintergründe, der Chorleiter ist Türke. Und es gibt Brunnhilde, die DJn-Klasse für junge Frauen. Das Projekt wurde im November 2011 von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft im Rahmen der Auslobung „faktor kunst“ ausgezeichnet.

      Die DJn-Frauen aus dem Brunnenviertel kreieren ihre eigene Musik und sind in ganz Wien gefragt. Eine andere Gruppe macht mexikanische Mariachi-Musik und tritt damit nicht nur am Brunnenmarkt auf, sondern auch im Wiener Konzerthaus, mit dem die Brunnenpassage häufiger zusammenarbeitet. Ebenso wie mit Institutionen im Wiener Museumsquartier und anderen Organisationen der Wiener Hochkultur.

      Kunst stärkt Selbstvertrauen

      „Der Zugang zu Kunst und Kultur ist ja sogar ein Menschenrecht. Artikel Nr. 27 der allgemeinen Menschenrechte. Das wissen viele gar nicht“, sagt Anne Wiederhold. „Unserer Meinung nach, gehört das zu einem glücklichen und erfüllten Leben dazu, gerade in einer Kulturmetropole.“ Ein engagiertes Plädoyer. Die Leiterin der Brunnenpassage möchte Kunst und Kultur gerade in der Arbeit mit MigrantInnen mehr Raum geben.

      Bisherige Konzepte, mit denen man Menschen aus anderen Kulturen Zugang in die Gesellschaft ihres neuen Lebensraums schaffen will, sollten überdacht werden. „Da geht es nicht nur um Sprachkurse, um Bildungs-, Arbeits- oder Wohnmarkt, sondern auch um Zugang zur Kunst“, sagt sie. „Wenn man sich selbst künstlerisch betätigt, kann man die eigene Identität zum Ausdruck bringen, kann sich selbst ganz anders kennenlernen und das ist natürlich etwas, das das Selbstbewusstsein der Menschen stärkt.“

      Ein Bericht von Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft

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        „Das bringt ganz viel positive Energie“

        Besuch im Frauengefängnis

        Berlin. Ingrid Raschke-Stuwe, Vorstand der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und die Projektkoordinatorin Niina Valavuo bekamen eine Einladung ins Gefängnis. Die Stiftung hat im November 2011 ein Projekt der Reihe „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“ ausgezeichnet, das sie in diesem Jahr fördernd begleitet. Es findet in der JVA Berlin-Pankow statt.

        Träger ist der Verein minor, der gemeinsam mit KünstlerInnen in zwei Berliner Haftanstalten mit inhaftierten Jugendlichen und Frauen arbeitet. Insgesamt zehn KünstlerInnen aus unterschiedlichen Sparten machen mit.


        Foto: Jarek Raczek, Berlin

        Der große alte Bau könnte auch ein Internat sein oder ein Verwaltungsgebäude, das Frauengefängnis in Berlin-Pankow entspricht nicht den geläufigen Fernsehklischees, weder von außen, noch von innen. Treppe hoch, dezentes Surren, Schiebetüren öffnen sich – ein bisschen erinnert das hier an „Raumschiff Enterprise“. Drei Mitarbeiterinnen begrüßen uns. Es ist alles so … so normal hier. Die Sonne scheint, das macht die etwas tristen Flure freundlicher. Wir bekommen eine Führung, sehen eine Küche, in der die inhaftierten Frauen gemeinsam kochen können.

        Wir werfen einen Blick in ein paar Gefängniszellen. Schmale Räume, links der Schrank, dahinter das Bett, ein kleines Hängeregal, eine Nasszelle mit Dusche. Die Bewohnerinnen haben die wenigen Quadratmeter zum Teil sehr liebevoll und kreativ gestaltet. Manche haben Fenster zum Innenhof. Die Bäume treiben aus, Vögel singen. Irgendwie stört das Geräusch des großen, klappernden Schlüsselbundes. Klischees … Aber es erinnert daran, dass sich hier niemand mal eben in die Frühlingssonne setzen kann. Nur im Haus gibt es in gewissem Umfang Bewegungsfreiheit. Wir gehen weiter, stehen im Kinderzimmer und haben einen Kloß im Hals. Natürlich! Einige der Frauen, die hier zum Teil langjährige Haftstrafen absitzen, haben Kinder. Während der Besuchszeiten spielen sie in diesem Raum.


        Foto: Jarek Raczek, Berlin

        Es geht um Würde

        Dann geht es zum Training. Der wöchentliche Workshop mit den KünstlerInnen findet mittwochs nachmittags in einem großen Raum mit vier, fünf Metern Deckenhöhe statt. Eine ehemalige Kapelle? An der einen Seite gibt es ein bühnenähnliches Podest. Sabine Winterfeldt und Christian Schodos begrüßen uns mit den Worten: „Zwei neue, wie schön. Lasst uns anfangen.“ Fünf Frauen sind schon da. Mit uns, der Trainerin und dem Trainer, wie die beiden SchauspielerInnen sich nennen, sind wir zu neunt im Stuhlkreis. Talking Stick nennen sie das, was jetzt kommt: Jede sagt, wie es ihr geht, wo sie im Moment steht. Wir stellen uns vor. In diesem Jahr ist das Thema der Theater- und Filmarbeit „Würde“.

        „Gerade dieses Thema ist für mich der Grund, hier mitzumachen“, erzählt eine junge Frau. Sie ist schwanger. „Ich denke die ganze Woche lang: Wann ist wieder Mittwoch?“ „Wenn man hier durch die Tür geht, verliert man alles was man besitzt“, sagt eine andere Teilnehmerin. Sie hat eine neunjährige Tochter, die unterdessen sehr bewusst wahrnimmt, dass ihre Mutter im Gefängnis ist und die sich Sorgen um sie macht: „Sie wünscht sich, dass ich auch etwas Schönes erleben kann. Ich habe ihr von den Theaterworkshops erzählt, wie wichtig die für mich sind, und dass ich mich wirklich darauf freue.“

        Experimentierfeld Bühne

        Jetzt beginnt der praktische Teil: Bewegung im Raum, Gefühl für den eigenen Körper entwickeln, beim Gehen das Tempo verändern, die Haltung und schließlich Gefühle hinzunehmen. Wie sieht man aus, wenn man fröhlich, traurig oder zornig ist? Den Gesichtsausdruck verändern, den Körper auch. Für uns ist das Neuland, aber die Teilnehmerinnen verblüffen uns. Auf Zuruf können sie Aggression erzeugen und im nächsten Moment darüber lachen. Alles nur gespielt. Dann geht es mit einer Pantomime weiter. Aus dem Stehgreif stellt eine der Frauen eine Alltagssituation dar. Weitere kommen hinzu, jede übernimmt eine Aufgabe, eine Position in diesem Bild. Ein Zusammenspiel ohne Worte – mal berührend, mal komisch, mal absurd. Diese schauspielerischen Aufwärmübungen bereiten auf die weitere Arbeit vor. Texte sollen entstehen, daraus ein Drehbuch entwickelt werden, wenn alles gut geht, wird es am Ende des Prozesses einen Film geben. Keine Dokumentation, etwas Fiktives, aber auf der Basis der ganz realen Erfahrungen, der Wünsche und Träume der Frauen.

        Was auch immer das Endergebnis der neunmonatigen Workshop-Arbeit sein wird, eine der Frauen bringt auf den Punkt, was die Trainings mit den SchauspielerInnen und dem Filmmacher für sie bedeuten: „Das löst tiefergehende Gedanken aus, die nehme ich mit, in meine Zelle. Die Gespräche hier sind intensiver als der Austausch auf den Fluren. Das bringt ganz viel positive Energie.“

        Ein Bericht von Niina Valavuo und Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft.

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          Kunst im Knast – und was bedeutet hier Partizipation?

          Im Berliner Projekt „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft plus“ arbeiten KünstlerInnen mit Gefangenen zusammen. Die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft hat diese Initiative 2011 als vorbildliches partizipatorisches Kunstprojekt ausgezeichnet. In diesem Jahr wird GKG plus von ihr gefördert und begleitet. Wir haben Projektleiterin Elisabeth Hoffmann gefragt:

          Was bedeutet Partizipation in diesem konkreten Fall?

          Partizipation bedeutet für uns, nicht mit vorgefertigten Stücken und/oder Produktvorstellungen in die Arbeit mit den Inhaftierten zu gehen, sondern an ihren Vorstellungen, Interessen und Ideen anzusetzen. Wir bringen Impulse und Vorschläge für Szenen u.ä. mit, aber mit Leben erfüllt werden sie durch die Kompetenzen jedes Einzelnen. Wir begeben uns in einen Prozess, der nicht vorrangig ziel-, sondern teilnehmerorientiert ist.


          Elisabeth Hoffmann, Projektleiterin, Vorsitzende minor e.V.

          Unsere Stücke, Collagen oder Szenen werden immer gemeinsam entwickelt. So können unterschiedlichste künstlerische Ausdrucksformen wie Musik, Theater und/oder Tanz miteinander verbunden werden und die Inhaftierten finden sich mit ihren Ideen und Fähigkeiten in unseren bzw. ihren „Produkten“ wieder.

          In einer Haftanstalt für Frauen will unser Team gemeinsam mit Inhaftierten einen fiktiven Kurzfilm entwickeln und realisieren. In diesem Fall soll die Partizipation auch die Zusammenarbeit mit Teilnehmern unserer Trainings in anderen Berliner Gefängnissen umfassen. Es ist geplant, mit ihnen die Filmmusik zu entwickeln.

          Neben der Einbeziehung der Inhaftierten in die Entwicklung der Szenen und Stücke, versuchen wir auch „die Gesellschaft“ an Prozessen und Ergebnissen teilhaben zu lassen. Dies geschieht beispielsweise bei Präsentationen und Aufführungen und perspektivisch über einen Blog auf unserer Homepage.

          Wie empfinden die Menschen, die in Ihrem Projekt die Partizipierenden sind, die künstlerische Arbeit?

          Sie fühlen sich wertgeschätzt, weil wir sie darin bestärken, sich anderen mitzuteilen und sich zu zeigen. Wir fördern ihre Kompetenzen und vertrauen ihnen. So merken sie, dass sie sich weiterentwickeln und dass es immer neue und unerwartete Wege gibt, die neue Chancen mit sich bringen. Die Inhaftierten fühlen sich in den Prozess involviert und arbeiten engagiert an der Entwicklung ihrer eigenen Szenen, Songs oder Tänze für den Film oder kleiner Stücke.

          Bringt der Aspekt der Teilhabe/ des Einbeziehens auch spezifische Schwierigkeiten mit sich?

          Ja. Unsere TrainerInnen lassen sich ja von Beginn an auf einen Prozess ein, der zunächst zu einem großen Teil unbestimmt und unvorhersehbar ist. Das heißt auch, dass wir nicht mit einem fertigen Plan oder einem Drehbuch in die Trainings gehen können, sondern oftmals spontan und flexibel auf Bedürfnisse und Ideen der teilnehmenden Inhaftierten reagieren müssen. Der gesamte Prozess der Entwicklung dauert natürlich länger, ist aber am Ende ein ehrliches und authentisches Resultat der Zusammenarbeit.

          Das Gespräch führte Sabine Luft, Öffentlichkeitsarbeit Montag Stiftungen.

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            “Endlich gibt es das!”

            Die Brunnenpassage: Kunst und Kultur für alle
            Auszeichnungsverleihung: Elif Isik, Anne Wiederhold, Stifter Carl Richard Montag

            Modellcharakter bescheinigte die Jury der Auslobung faktor kunst der Wiener DJn Klasse für junge Frauen. Das Projekt desDJn Kollektiv Brunnhilde“ ist in der Brunnenpassage der Caritas Wien entstanden. Die liegt direkt am größten Straßenmarkt Europas, mitten im Stadtteil Ottakring. Hier leben Menschen vieler Nationalitäten zusammen. Anne Wiederhold ist künstlerische Leiterin der Brunnenpassage, Ivana Pilic arbeitet dort als Projektleiterin. Kürzlich hat BUM Media (das größte MigrantInnen-Medienprojekt in Österreich) mit den beiden über ihre Arbeit an diesem ungewöhnlichen Ort gesprochen. Hier ist ein Auszug daraus:

             

            Auszug

            BUM: Wie ist es überhaupt zur “Brunnenpassage” gekommen?

            Anne Wiederhold: 2007 hat alles begonnen. Die Brunnenpassage ist eine ehemalige Markthalle. Durch viele gute Umstände und Zufälle entdeckten wir, dass die Halle leer stand. (…) In unseren Projekten geht es immer darum, dass sich ganz unterschiedliche Menschen über Kunst und Kultur begegnen. Im Prinzip war der Plan, dass wir 2008, nach einem Pilotjahr, das neue Haus eröffnen. Es kam aber ganz anders, weil im Prinzip schon 2007, als wir hier die Musik angestellt haben, die Leute kamen. Wir haben also mit dem Programm einfach begonnen und keine große Eröffnung gehabt. Von Beginn an waren wir mit den Menschen, mit dem Markt, mit vielen Vereinen und Künstlern aus der Umgebung in Kontakt.

            BUM: Wie werdet ihr jetzt, nach vier Jahren des Bestehens angenommen? Wie ist das Feedback?


            Foto: Anne Wiederhold

            Anne: Durchwegs positiv. In Wirklichkeit gibt es nichts Vergleichbares in Wien. Daran zu arbeiten, dass Leute die keinen Zugang zu Kunst und Kultur haben den bekommen, ist natürlich innovativ und ist auch im Sinne der Stadt Wien. Ganz zu Beginn wurde eine Glasscheibe eingeschlagen. Wir wissen bis Heute nicht wer das war, aber wir erleben sehr wenig offene Kritik. Meistens bekommen wir Feedback wie: “Endlich gibt es das!” In den Medien heißt es oft, dass sich MigrantInnen abschotten und ÖsterreicherInnen xenophob sind. In der Brunnenpassage leben wir etwas anderes. Nämlich, dass Leute sich durchaus freuen gemeinsam zu arbeiten.

            BUM: Stichwort Migrantinnen, die sonst nicht mit dem etablierten Kunst- und Kulturbetrieb in Berührung kommen. Wie erreicht ihr euer Publikum?

            Ivana: Es braucht neue Wege und wir machen uns aktiv auf die Suche. Wir lernen jeden Tag etwas dazu. Es reicht nicht, nur einen Raum zu haben. Wir haben auch ein kunterbuntes Team. Anders geht es nicht. Seitdem eine Muslima bei uns arbeitet, kommen auch andere Muslimas zu uns, die vielleicht vorher nicht gekommen wären. In einer gewissen Weise ist es so einfach, andererseits ist das genau der Weg, den viele andere nicht gehen. Eine weitere wichtige Sache ist, dass wir unser Angebot viersprachig bewerben. Auch der Kontakt zu den entsprechenden Medien ist da sehr wichtig. Oder man geht persönlich in Lokale hier am Brunnenmarkt und spricht einfach mit den Leuten. Dass unser Angebot kostenfrei und frei zugänglich ist spielt auch eine Rolle.

            BUM: Ihr geht raus und auf die Leute zu. Funktioniert das auch umgekehrt, dass z.B. Leute bei euch anklopfen und fragen, ob sie etwas bei euch machen können?

            Anne: Ständig. Ich habe teilweise drei Anfragen pro Tag. Wobei wir viele ablehnen, weil es oft um Hochzeitsfeiern und Ähnliches geht. Wir achten auf den Inhalt und auch darauf ob MigrantInnen mitwirken.

            BUM: Was war für euch persönlich das bisher schönste Erlebnis bei eurer Arbeit?

            Ivana Pilic: Für mich war es beim Projekt “Zwischen Nachbarn”, bei dem wir Menschen in ihren Wohnungen porträtiert haben. Bei der darauffolgenden Ausstellung kam ein kleiner türkischer Bub mit fünf von seinen Freunden und hat ihnen total stolz sein Bild gezeigt. Es ist wichtig positive Aufmerksamkeit zu schenken und Leute einzubeziehen, die sonst vielleicht zu wenig Raum in unserer Gesellschaft bekommen. Der Stolz dieses Buben war auch die Anerkennung für die Arbeit die wir machen.

            Anne Wiederhold: Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass es fast jede Woche etwas gibt, dass mich berührt. Ganz am Anfang gab es einen jungen Flüchtling aus Afghanistan. Er kam aus sehr traumatisierenden Verhältnissen, hat auf der Flucht seinen Bruder verloren. Er sagte mir, dass er durch das Tanzen bei uns einen Platz in seinem Leben gefunden hat, wo wieder Frieden ist. Das hat mich sehr berührt.

            Die Brunnenpassage ist ein Projekt der Caritas Wien. Weitere Informationen finden Sie unter www.brunnenpassage.at

            Das Gespräch erschien in der BUM Zeitung

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              Inklusion im Atelier:
              Die Schlumper und die Kinder

              Mit Pinsel, Farbe und Handicap arbeiten 25 KünstlerInnen in der Hamburger Ateliergemeinschaft Die Schlumper zusammen. Die „Künstler mit Assistenz­bedarf“ malen Bilder auf Papier oder Leinwand in kleinen und großen Formaten. Sie zeichnen, radieren, collagieren, modellieren und bauen Objekte. Ihre Werke sind beliebt, begehrt und weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt.Von Montag bis Donnerstag laden Die Schlumper Grundschulkinder zu sich ein, teilen mit ihnen Arbeitsräume, Materialien und manchmal auch Ideen. Bei der Aus­lobung „faktor kunst“ wurde die Initiative „Louise Schroeder Schule und Die Schlumper“ als partizipatorisches Kunstprojekt mit Vorbildcharakter ausge­zeich­net.

              Wie die Kooperation mit der integrativen Ganztagsrundschule mit Integrations- und Vorschulklassen funktioniert, was die Kinder und Die Schlumper verbindet, und was überhaupt einen Schlumper ausmacht, weiß der Maler Johannes Seebass. Er arbeitet seit Anfang der 1980er-Jahre im Schlumper-Projekt. Heute ist er als Projektleiter zuständig für „Die Schule der Schlumper“.

              Seit mehr als 30 Jahren gibt es die Schlumper. Ihre Ateliergemeinschaft ist ein Erfolgsmodell. Was ist das Besondere daran?

              KünstlerInnen mit Handicap haben durch ihre soziale Positionierung weniger gute Möglichkeiten, ihr Leben selbst zu bestimmen. Wenn aber ihre individuellen, künstlerischen, gestalterischen Begabungen gefördert werden, ist eine eigen­ständigere Lebensführung möglich und damit die Einbindung in die sogenannte gesellschaftliche Normalität.

              Die Arbeiten unserer KünstlerInnen werden regelmäßig in Ausstellungen gezeigt. Sie werden von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und damit auch die Künstler selbst, woraus sich eine Steigerung ihres Selbstbewusstseins ergibt. Die Schlumper entdecken neue Möglichkeiten, sich zu entfalten und selbstbestimmt zu leben.

              Wie werden KünstlerInnen mit Handicap zu Schlumpern?

              Die Schlumper sind eine feste Ateliergemeinschaft. Sie sind in Künstler­kreisen und bei sozialen Einrichtungen sehr bekannt. So haben wir ständig Anfragen, auch über Hamburg hinaus. Gerade bewirbt sich ein junger Mann aus Berlin bei uns, um Künstler zu werden. Dort gibt es keine solche Einrichtung mit festen Arbeitsplätzen für KünstlerInnen.

              Bewirbt sich? Wie ist das zu verstehen?

              Wer Schlumper werden will, braucht künstlerische Begabung, aber nicht nur das. Es geht auch um Gruppenfähigkeit. Jeder, der bei uns mitmachen will, muss ein Praktikum absolvieren. Und Freitagnachmittags können Besucher kommen und mal reinschnuppern.

              Dies ist auch der Tag der „Teilzeit-Schlumper“. Wir haben tatsächlich einige Schlumper, die wir hoch schätzen, die aber nicht jeden Tag hier sein wollen oder können. Manche von ihnen arbeiten in einer anderen Werk­statt für Menschen mit Behinderung und kommen nach Feierabend, am Freitagnachmittag, ins Atelier. Sie haben keinen festen Arbeitsplatz bei uns, und wir sind auch nicht für ihren Lohn zuständig.

              Wie funktioniert das mit dem Lohn?

              Organisatorisch gehören wir zum Werkstattbereich „alsterarbeit“ der Evange­lischen Stiftung Alsterdorf. Damit ist unsere Einrichtung wirtschaft­lich abge­sichert. Wie andere Werkstätten auch, müssen wir einen be­stimmten Anteil selbst erwirtschaften. In manchen Werkstätten werden bei­spielsweise Ver­packungen hergestellt oder Schuhe repariert, wir ver­kaufen Bilder, Kunstwerke, um damit die Arbeit in den Ateliers zu finan­zieren. Das heißt, wir müssen alle Materialien erwirtschaften, die Bilderrahmungen, die Ausstellungsorganisation, die Lagerung der Werke und die kleinen Löhne der Künstler, also das, was sie für ihren ganz persönlichen Bedarf aus­geben können.

              Weil eine Ateliergemeinschaft aber ganz anders funktioniert als normale Werk­stätten, haben wir einen höheren Bedarf, den können wir nicht allein durch den Verkauf der Kunstwerke decken, wir brauchen zusätzlich Unter­stützung von Sponsoren und Förderern.

              Wie viele Ausstellungen machen Sie pro Jahr?

              Meist sind es vier Ausstellungen in der Galerie der Schlumper, oft mit thema­tischen Schwerpunkten. Bei der nächsten geht es um „Schrift im Bild“. Sie wird in diesem Frühjahr stattfinden und es sollen – wie in allen Ausstellungen – Arbei­ten der Kinder dabei sein. Zusätzlich bieten uns Galerien, Kunstvereinen und Museen Ausstellungsbeteiligungen an. Und wir bekommen oft Einladungen an Gruppenausstellungen teilzunehmen, auch über die Grenzen Deutschlands hin­aus.

              Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen den Schlumpern und den Kindern aus?

              Unser Zweitaltelier, das wir „Schule der Schlumper“ nennen, liegt in direkter Nachbarschaft zur Louise Schroeder Schule. Dort hole ich die Kinder ab. Jeden Tag dürfen vormittags und nachmittags acht Kinder mit­kommen und oft gibt es Gerangel, weil alle aus der jeweiligen Klasse mit wollen. Es sind aber immer nur acht Schlumper im Projekt, und so klappt es am besten eben auch mit acht Kindern. Sie wollen ja alle ihre eigenen Ideen verwirklichen und bekommen keine kollektiven Aufgaben gestellt. Die Kinder probieren alles aus, staunen, testen neue Materialien, stellen Fragen und erhalten individuelle Unterstützung von den Schlumpern und von deren künstlerischen AssistentInnen.

              Eine ganz neue Welt für die Kinder. Was nehmen sie mit?

              Die meisten lernen zum ersten Mal Menschen mit Behinderung kennen. Sie sehen sie beim Malen, gehen auf sie zu und sagen, das sind ja tolle Bilder. Die Schlumper helfen den Kindern mit den Kitteln, mit den Farben, mit den Materialien. Die Kinder malen auch an den Staffeleien, genau wie die Schlumper, sie mischen sich, tauschen sich aus. Sie lernen die Künst­lerInnen als Vorbilder kennen, als nette, begabte Menschen, die was Tolles können und bewundern sie dafür. Das spüren die Schlumper natürlich.

              Viele dieser Kinder haben einen Migrationshintergrund und tun sich zu­nächst schwer in der Schule, sind mit Misserfolgen konfrontiert. In den Ateliers machen sie andere Erfahrungen. Die Schlumper, die zum Teil nicht in der Lage sind zu rechnen, zu schreiben oder zu lesen, bewundern diese lernschwächeren Kinder dafür, wie gut die das immerhin können. Und diese Kinder, die in der Schule vielleicht nicht so gut mitkommen, erleben hier Erfolge. Sie schaffen etwas, be­kommen Anerkennung von allen Seiten, und das wirkt sich auch positiv auf ihr Lernverhalten aus und steigert das Selbstwertgefühl. Sie gehen raus und wissen: Ich kann doch was!

              Bald gibt’s bei den Schlumpern eine neue Ausstellung. Wir werden be­richten!

               

              Mit Johannes Seebass sprach Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft.

              Grimmsches Wörterbuch:Was ohn Vorgedanken, ohn Kunst, unversehens geschiehet, das ist Schlump, der unvermutete Glücksfall.”
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                Die Würde des Menschen ist unantastbar

                Theater im Knast ist Kunst, ist Therapie, Veränderung, Perspektivwechsel, ist eine Chance zu verstehen …

                Ein Gespräch bei minor e.V. in Berlin. Zum ersten Mal treffen wir KünstlerInnen, die im Projekt „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“ arbeiten. Die Jury der Auslobung „faktor kunst“ hat dem Verein Ende November 2011 nicht nur eine der sechs Auszeichnungen verliehen, sondern auch die Projektförderung der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft zugesprochen.

                Ein Bericht von Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft.

                „Uns geht es immer um den Prozess und immer um die Menschen – daraus entsteht die Kunst!“ sagt Sabine Winterfeldt. Seit gut zwölf Jahren arbeitet die Schauspielerin mit Gefangenen in Berliner Haftanstalten. Sie ist eine der Workshop-Leiterinnen, die hier wöchentliche Trainings anbieten, wie sie es nennen. Es ist keine Arbeit mit einem festgelegten Text, mit einem fertigen Theaterstück, gearbeitet wird zu Themen, die den Inhaftierten wichtig sind.

                In drei Gefängnissen gleichzeitig und in einem Workshop außerhalb des Knasts geht es in diesem Jahr um den Begriff „Würde“. Die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz, aber gibt es hinter Gittern Würde? Meinen Männer etwas anderes, wenn sie von Würde reden, als Frauen? Was bedeutet Würde, wenn Drogen den Alltag bestimmen? Wie fühlt sich Würdelosigkeit an?

                Text, Theater, Film, Musik – offen für alle Formen

                Sabine Winterfeldt, Hanna Essinger und Fritz Bleuler erzählen von ihrer Arbeit mit jungen Männern, drogenabhängigen oder langzeitinhaftierten Frauen und ihre Begeisterung ist ansteckend. Sie alle haben eine Schauspielausbildung, standen oder stehen auf Theaterbühnen, vor der Kamera oder führen Regie. Sie gehören zur Stammbesetzung des Berliner Projekts „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“, das vom Verein minor getragen wird. Der Titel klingt nach Pädagogik, nach Soziologie, doch dahinter verbirgt sich ein spannendes, langfristig angelegtes Kunstprojekt, in dem Theater gespielt wird, in dem Filme entstehen, Texte geschrieben werden, Musik gemacht wird.

                Was bringt KünstlerInnen dazu, im Gefängnis zu arbeiten? Hinter den Mauern der JVA sind die Regeln streng, es gibt viele Auflagen und nur selten Aufführungen, wenig Publikum und damit auch wenig Applaus, Ruhm und Anerkennung für die eigene künstlerische Leistung. Und ist das, was dort passiert, wirklich ein künstlerischer Prozess oder doch ein therapeutischer?

                Es gibt immer mindestens zwei Möglichkeiten

                „Beides“, ist Regisseur Fritz Bleuler überzeugt. „Letztlich haben wir immer gedacht, wir machen Theater. Bis wir gemerkt haben, an einem ganz wichtigen Punkt im letzten Projekt, wo nichts mehr ging, Stillstand eintrat, wir uns quasi rückwärts bewegt haben, dass wir aufhören mussten zielorientiert zu arbeiten.“ Er erzählt, wie er in seiner Arbeit mit den Gefangenen begriffen hat, dass viele Straftaten geschehen, weil Menschen denken, dass es nur einen Weg gibt, nur eine Möglichkeit zu handeln.

                „Beim Theaterspielen merkt man – wie wahrscheinlich an kaum einer anderen Stelle in der Kunst – dass es mindestens zwei Möglichkeiten gibt, weil es meistens im Dialog stattfindet“, erklärt er. Für viele der Workshop-TeilnehmerInnen ist das eine neue Erfahrung. Fritz Bleuler: „Wenn zwei auf der Bühne sind, geht es fast immer um Status. Wer hat den höheren, wer den niedrigeren, wie komme ich da raus, wie rein, wie gehe ich damit um? Das sind Erfahrungen, die die meisten der straffälligen Jugendlichen in ihrem Leben nicht gemacht haben. Oft werden sie zu Straftätern, weil sie an einen Punkt kommen, wo sie denken, es gibt nur diese eine Möglichkeit zu handeln.”

                “Wir haben ihnen eigentlich nichts anderes gezeigt – in Stunden, in Wochen – dass es immer mindestens zwei Möglichkeiten gibt. Ich habe dann den bösen oder auch liebevollen Spitznamen bekommen: Nochmal. Manchmal habe ich sie in den Wahnsinn getrieben, wenn ich wieder und wieder gefragt habe: Und was gibt es noch für eine Möglichkeit? Und dann haben sie begriffen und das ist die therapeutische Komponente. Für viele war danach Veränderung möglich.“

                Draußenwerkstatt als Brücke

                Während Sabine Winterfeldt und Hanna Essinger gerade mit dem ersten Workshop für langzeitinhaftierte Frauen begonnen haben, baut Fritz Bleuler eine „Draußenwerkstatt“ auf. Die Idee dazu entstand, weil viele vom KünstlerInnenteam noch Kontakte zu den Haftentlassenen haben. Für sie und für Menschen im offenen Vollzug soll es hier Workshop-Angebote außerhalb des Gefängnisses geben.

                Die Draußenwerkstatt ist auch als Brücke gedacht, als Forum für den Austausch zwischen denen von drinnen und denen von draußen. Und der kann viel bewegen: „Ich glaube“, sagt Fritz Bleuler, „mich hat das Projekt mehr verändert, als ich das Projekt verändert habe. Die Jungs und Mädchen haben mich gelehrt, dass ich lernen muss zuzuhören, wenn ich gute Geschichten erzählen will. Und Geschichten erzählen wollte ich schon immer.“

                Demnächst mehr von „Gefängnis – Kunst – Gesellschaft“. Ende März sind wir wieder in Berlin und sehr gespannt wie es weiter geht.

                 

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                  „Es macht mir Spaß zu leben, sagen wir es so.“

                  überGehen – das Schlosstheater Moers hat eine Projektreihe zu Lebensgrenzen, Todesbildern und Abschiedskultur entwickelt und die Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft hat das partizipatorische Kunstprojekt im Rahmen der Auslobung „faktor kunst“ ausgezeichnet.

                  Am zweiten Februar begann die Reihe mit einer Uraufführung. Niina Valavuo, Projektkoordinatorin der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft, war dabei:

                  Schlosstheater Moers / Fotos: Christian Nielinger

                  Premierenbesuch im Schlosstheater Moers. „Elefant im Raum“ wird gespielt. Untertitel: Ein Projekt zum Überleben. Es ist eine Uraufführung und ein ganz besonderes Theaterstück, denn es enthält Interviewtexte aus Gesprächen mit jungen Menschen, die lebensbedrohlich erkrankt waren oder noch sind. Vier von ihnen stehen neben zwei Schauspielern auf der Bühne.

                  Kein einfaches Thema, dazu braucht es Mut, auch für das Publikum, aber das hatte viel Mut an diesem Premierenabend: Die 95 Plätze des Theaters sind mehr als ausverkauft. Erwartungsvolle, aufgeregte Gesichter voller Spannung. Was kommt auf uns zu? Schließlich geht es um Krankheit und Sterben aber auch ums Überleben. Die Atmosphäre in diesem intimen, kleinen Theaterraum ist offen, annehmend, angenehm.

                  Das Stück beginnt: Zwei Schauspieler agieren auf Kunstrasen vor einem knallpinkfarbenen Hintergrund in mitten steriler weißer Möbelstücke. Zwei große Flachbildschirme gehören zum sonst eher kargen Bühnenbild. Die Darsteller schlüpfen in verschiedene Rollen. Sie zeigen zum einen die Sicht von Eltern, die sich um ihr krankes Kind sorgen, spiegeln zum anderen den Blick auf die Welt von schwerkranken Jugendlichen. Verdichtete, temporeiche Szenen.

                  In der ersten Hälfte des Stückes werden immer wieder die Gesichter junger Menschen auf den Flatscreens sichtbar. Sie scheinen zuzuschauen, ganz ruhig, ohne Kommentar. Beobachter, Beteiligte, Unbeteiligte? Später werden diese Gesichter auf einen durchscheinenden Vorhang projiziert. Manchmal bewegt sich der Stoff. Hier sind sie unmittelbar präsent, übergroß, irgendwie real und doch unwirklich. Ihre Stimmen aus dem Off erzählen über Krankheit und den Umgang mit dem Leben.

                  Ihre Sätze bleiben in meinem Gedächtnis hängen, es sind diese Momente, diese Einspielungen, die dem Stück seine Tiefe und vielschichtige Qualität geben. Ganz deutlich erinnere ich mich an diesen Satz: „Also eine Sekunde ist für mich länger, als eine Sekunde – ungefähr so lang wie ein Tag. Und die Stunden könnten auch ein ganzes Jahr sein. Es macht mir Spaß zu leben, sagen wir es so.“

                  Gänsehautmomente.

                  Aber auch die beiden jungen Frauen sind stark, die sich immer wieder zu den zwei Schauspielern gesellen. Sie haben ihre schwere Krankheit überwunden und liefern sich einen Wettstreit: Wer war hier am kränksten? So kennt man das sonst nur von alten Menschen für die Krankheit zum Hauptgesprächsstoff geworden ist.

                  Die beiden jungen Frauen tauchen während der Aufführung immer wieder auf und das, was sie erzählen, das, was sie wirklich erlebt haben, ist berührend, unvermittelt und nah.

                  „Elefant im Raum“ transportiert das Thema mit viel Fingerspitzengefühl und Respekt. Niemand wird bloßgestellt und es gibt humorvolle, witzige, skurrile und auch poetische Momente mit lauten, leisen, verzweifelten, zornigen und behutsamen Zwischentönen.

                  An einigen Stellen wurde laut gelacht, das hatte ich nicht erwartet. Aber es gibt auch Szenen, die zutiefst betroffen machen. Nahe gegangen ist mir der Blick auf unsere Gesellschaft, die so gerne helfen möchte, und wenn es darauf ankommt doch lieber wegschaut und ausschließt. Man muss halt funktionieren, so lange ist alles gut. Und was passiert, wenn man nicht mehr funktionstüchtig ist?

                  Oder das plötzliche Fehlen eines geliebten Menschen. Da gab es zum Beispiel den kleinen Lukas Sommer, ständig wurden Pakete für ihn gebracht, aber er war schon „weggeschlafen“ – das traf tief.

                  Aber vor allem strahlte die Aufführung ganz viel Energie und Kraft aus. Das Engagement der Mitwirkenden, die das Thema „Krankheit und Sterben“ auf so eindringliche Weise öffentlich machen, war so unmittelbar spürbar, so deutlich greifbar. Und das ganz ohne Betroffenheitsattitüde. Kurz: Das Stück war packend, kurzweilig, dicht, und ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

                  Am Ende standen neben den „realen“ Darstellern auch die „virtuellen“ leibhaftig auf der Bühne. Es gab tosenden Applaus und Standing Ovations.

                  Mein Fazit für den Abend: Genieße jede Sekunde Deines Lebens! Habe Mut im Hier und Jetzt zu leben! Familie und Freunde sind das, was wirklich zählt!

                   

                  Alle Informationen und Karten für die nächsten Vorstellungen gibt es hier

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                    faktor kunst – Junge_Kunst berichtet

                    Junge_Kunst versteht sich als Magazin für Künstler, Sammler und Kunstvermittler und richtet dabei das Augenmerk auf interessante Künstler und Projekte abseits des Mainstream. Wir freuen uns sehr über den ausführlichen Bericht zu unserer Auslobung “faktor kunst”.


                    Quelle “Junge_Kunst, Nr. 89″

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