Als die Künstlerin Apolonija Šušteršič und die Kuratorin Katrin Mundt ihr Projekt „Hustadt Filmpavillon“ 2011 bei der Auslobung „faktor kunst“ einreichten, war es noch eine Idee, ein Konzept. Doch es überzeugte die Jury und bekam eine Auszeichnung von der Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft. Unterdessen haben die beiden mit der Arbeit in der Bochumer Hustadt begonnen

Eigentlich ist die Hustadt ein Dorf. Okay, dort gibt es Hochhäuser – mit bis zu 13 Stockwerken – viel Beton aber rundherum Grünflächen. Aber man kennt sich hier, ist vertraut miteinander, weiß auch genau, wem man besser aus dem Weg geht.
„Es ist erstaunlich, welche Nähe die Menschen zueinander haben. Jeder kennt jeden, mit allen positiven und negativen Effekten, die das haben kann“, sagt Katrin Mundt (Essen). Sie ist Filmkuratorin und arbeitet zusammen mit der Architektin und Künstlerin Apolonija Šušteršič (Amsterdam/Ljubljana) in einem partizipatorischen Kunstprojekt in der Bochumer Hustadt. Die ist Ende der 1960er Jahre entstanden. Ein ambitioniertes Projekt. Angesiedelt im Stadtteil Querenburg, zwischen dem mächtigen Campus der Ruhruniversität (RUB) und dem großen Opel-Werk, sollte sie zur Heimstadt für ProfessorInnen und Opelaner, für Verwaltungsangestellte und StudentInnen, für Betuchte und sozial Schwache gleichzeitig werden. Im Tal Bungalows, dahinter Reihenhäuser, als Abschluss, eine Gruppe von Hochhäusern. Eine Trabantenstadt mit Tiefgaragen, Kindergärten, Schulen, Kirchen, Supermärkten. Die Häuser streng geometrisch ausgerichtet, mit großen Fenstern nach Südosten.
Heimat Hustadt
Heute wohnen hier rund 6.000 Menschen aus 56 Nationen. Die sozialen Probleme sind unübersehbar. Auch dafür ist „Die Hustadt“ zum Begriff geworden. Hier zu leben, ist nicht immer einfach. Manche fürchten den Ort, andere sind fasziniert, für viele ist er Heimat.
„Für mich ist die Hustadt ein besonderer Ort, ich kenne sie noch aus dem Studium“, erzählt Katrin Mundt. „Als Apolonija mich eingeladen hat, ein Filmprojekt im Pavillon am Brunnenplatz zu machen, wusste ich, hier kann und will ich nicht einfach ein Filmprogramm ‚implantieren’. Es gibt so viele Ressourcen vor Ort – die Leute wissen das oft gar nicht – daraus kann etwas entstehen, was für alle eine große Bereicherung ist.“
www.hustadtproject.blogspot.com
Treffpunkt: Pavillon am Brunnenplatz
Apolonija Šušteršič hat drei Jahre lang in der Hustadt gelebt. In einem partizipatorischen Prozess entwickelte sie zusammen mit den BewohnerInnen, mit örtlichen Initiativen, Organisationen und Studierenden der RUB, den „Gemeinschaftspavillon – Brunnenplatz 1“. Es ist ein multifunktionaler Ort mitten im Quartier, geeignet für Konzerte und Kino, Tanz und Theater, Feste und Festivals. Ein Treffpunkt für alle. „Unser mittelfristiges Ziel ist es, hier ein selbstorganisiertes Kino, ein Festival zu etablieren“, erklärt Katrin Mundt. „In diesem Jahr wird es an vier Tagen im August ein internationales Filmprogramm geben. Das muss nicht ausschließlich im Pavillon stattfinden. Tagsüber könnten wir zum Beispiel auch ins HUkultur-Café gehen.“ Zurzeit sprechen die beiden Initiatorinnen potentielle MitstreiterInnen an. Sie treffen sie beim Frauenfrühstück oder bei der „Stadtteilmutter“, in der Gemeinschaftsgrundschule oder im Jugendzentrum HU-Town. Das ist Basisarbeit – Vertrauen schaffen, Impulse geben, Neugier wecken. Als nächstes werden regelmäßige Treffen geplant und organisiert.

Experiment: Partizipation und Film
Filme sind Folien, für Sehnsüchte und Ängste, für Glück und Trauer. Sie können Synonym sein für Heimat oder Heimatlosigkeit, können Gemeinschaft stärken und Verständnis schaffen für das Fremde, das Andere, für das, was unsicher macht oder für das, was Identität bedeutet. In gemeinsamen Diskussionen und Workshops wollen die Projektleiterinnen mit den Hustadt-BewohnerInnen über Filme sprechen, die für die TeilnehmerInnen eine besondere Bedeutung haben und Struktur und Konzept für das Filmfestival erarbeiten.
Wenn sich der von Katrin Mundt und Apolonija Šušteršič angestoßene Prozess fortsetzt, bekommt die Hustadt vielleicht dauerhaft ihr eigenes internationales, multikulturelles „Kino“, das zum Treffpunkt und Kommunikationsort wird.
Ein Beitrag von Waltraud Murauer-Ziebach, Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft
Alle Fotos © Apolonija Šušteršič / Philipp Unger












